So fühlt es sich an, dement zu sein

Moussa ist total angespannt. Er versucht mit dem Löffel eine Murmel aufzunehmen, um sie in einen Becher zu legen. Eine scheinbar leichte Aufgabe. Doch irgendwie gelingt sie nicht auf Anhieb. Mehrere Anläufe sind dafür nötig. Denn der junge Mann arbeitet unter erschwerten Bedingungen: Der Löffel ist instabil - Sein Stiel ist gebrochen und nur dürftig mit Klebeband repariert. Außerdem kann Moussa sein Tun nicht direkt sehen.

Er sitzt vor einer Box, in die er nur über einen schräg stehenden Spiegel schauen kann. Somit ist seine Sicht auf die Murmeln, den Löffel und die Becher nicht nur spiegelverkehrt, sondern auch noch leicht verzerrt. Hochkonzentriert muss er handeln, damit das Vorhaben gelingt, damit jede Murmel ihren Weg in einen Becher findet.

Moussa ist Pflegeschüler im dritten Ausbildungsjahr und wird in gut sechs Monaten sein Examen ablegen. Heute haben er und seine Mitschüler/innen Unterricht an der Krankenpflegeschule am Krankenhaus St. Josef. Das Thema Demenz steht auf dem Stundenplan. Klingt theoretisch, ist es aber nicht.

Schulleiter Elmar Pfister hat über die Demenz-Beauftragte des Krankenhauses den sogenannten Demenz-Parcours besorgt und gemeinsam mit seiner Kollegin Cornelia Höhlein im Foyer der Schule aufgebaut. „Wir wollen den Schülern verdeutlichen, wie es ist, seine fünf Sinne nicht mehr beieinander zu haben“, beschreibt der Schulleiter, weshalb dieser außergewöhnliche Parcours zum Einsatz kommt. „Die Schüler sollen so ein Verständnis für an Demenz erkrankte Patienten entwickeln und verstehen, weshalb sie beispielsweise verwirrt oder aggressiv sind“, nennt er das Ziel. Denn deren Gehirn sei, so seine Erfahrung, im permanenten Zustand der Überforderung. Einen Zustand, den Moussa und seine Mitschüler/innen heute erleben. „Dieser Kontrollverlust ist schlimm“, gibt der Pflegeschüler ein kurzes Zwischenfazit.

Insgesamt 13 Stationen durchlaufen die angehenden Pflegekräfte: Sie müssen den Frühstückstisch decken, in dem sie mehr als 25 Fotografien der einzelnen Arbeitsschritte in die richtige Reihenfolge bringen. Sie müssen sich den Weg durch die Stadt anhand eines Stadtplans merken. Sie müssen eine Geburtstagskarte handschriftlich gestalten und sitzen dabei vor einer Box, die ähnlich aufgebaut ist, wie eingangs beschrieben. Sie müssen auf dem Wochenmarkt einkaufen, Autofahren, Mittagessen, sich anziehen, einen Ball fangen und sich Begriffe merken, Lieder erraten, Figuren zeichnen und vieles mehr. Vermeintlich einfache, alltägliche Dinge, die sich unter erschwerten Bedingungen als kaum lösbar erweisen.

Moussa durchläuft die 13 Stationen mit Mahmood. Die beiden müssen viel lachen, weil die eine oder andere Situation echt komisch ist. Etwa als Mahmood versucht, mit einer 3-D-Brille auf der Nase einen Ball zu fangen oder wie er in der Spiegel-Box einen Stern zeichnen möchte. „Du willst, malst aber in die ganz falsche Richtung“, beschreibt Mahmood seine Eindrücke. Die anderen Mitschüler/innen bestätigen dies: „Es ist voll anstrengend, man denkt es ist vorne, aber das ist es nicht.“ Zudem ergänzen sie, dass man viel Geduld braucht, um eine Sache auszuführen. „Und wenn die Konzentration weg ist, bist du verloren“, fügt Moussa hinzu.

Elmar Pfister und Cornelia Höhlein freut es, dies zu hören. Denn ihr Plan, die jungen Pflegekräfte erleben zu lassen, wie sich alte und demente Menschen fühlen, mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben, ist voll aufgegangen. „Jetzt haben sie verstanden, was in den Menschen vorgeht und können dies im Alltag auf der Station berücksichtigen“, fasst der Schulleiter zusammen.

Mehr Informationen über die dreijährige Ausbildung zur Pflegefachkraft an der Berufsfachschule für Pflege am Krankenhaus St. Josef finden Sie hier: Berufsfachschule für Pflege

Zeichnen für eine Geburtstagskarte
Papierknöllchen auf Teller anordnen
Weg im Stadtplan aus dem Gedächtnis zeichnen
Ball fangen - mit 3-D-Brille
Anziehen unter erschwerten Bedingungen
Beispiel für eine Aufgabe

 

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