Düfte zum Wiederentdecken

Der Garten des Krankenhauses St. Josef ist ein beliebter Ort. Er ist eine kleine grüne Insel mitten in der Stadt, eine Oase zum Durchschnaufen oder um auf andere Gedanken zu kommen. Ein Rückzugsort. Patienten verweilen hier genauso gerne wie die Mitarbeitenden des Krankenhauses. Seit Neuestem ist der kleine Garten auch ein Duftparadies.

Waldmeister, Lavendel, Oregano, Zitronenmelisse und weitere Kräuter gibt es hier zum Schnuppern. Viele Patienten bleiben stehen und probieren aus, wie die Blüten oder die einzelnen Pflanzenteile, zwischen zwei Fingern zerrieben, duften. Manchmal reicht es schon, ein Blatt zu berühren, um den Duft mit der Haut aufzunehmen. Möglich wird dieses Erlebnis durch eine neue Duftwand, die seit einigen Tagen in dem kleinen Krankenhaus-Garten steht.

Die Idee dazu hatte Cordula Gehlert-Wohlfahrt, die frühere Chefärztin der Abteilung Geriatrie. „Ich habe eine Duftwand auf der Landesgartenschau in Würzburg gesehen und fand sie toll“, erzählt sie. Seit Juli 2021 trägt Cordula Gehlert-Wohlfahrt nicht mehr die Verantwortung als Chefärztin in der Geriatrie, sondern leitet die Abteilung Krankenhaushygiene. Somit ist die Duftwand, gebaut von den Mitarbeiter/innen der Lebenshilfe, quasi ihr Abschiedsgeschenk an die Station.

Ihr Ansatz als Geriatrie-Ärztin war, die Patient/innen mit allen Sinnen anzusprechen. „Das Schmecken und Riechen wird oft mit Kindheitserinnerungen verknüpft: Man erinnert sich an den Schulhausgeruch, den Geruch von Majoran in der Bratwurst, den Zimt-Apfelkuchen von Oma, oder die Weihnachtsplätzchenbackaktion von der Mutter, wenn der Duft durchs Haus zog“, schildert die Fachärztin. Ein Ansatz, der nach ihrer Erfahrung vor allem bei den älteren Patienten in der Geriatrie viel bringt. „Düfte stimulieren unser Gehirn. Denn die Duftverarbeitung geschieht in einer ‚alten‘ Hirnregion und ist meist mit Emotionen verkoppelt“, fügt sie hinzu. Daher können sogar demente Patient/innen über Geruch und Geschmack erreicht werden.

„Wir arbeiten auf unserer Geriatrie mit vielen Gerüchen.“ So hat eine Krankenschwester eine Ausbildung in Aromapflege, die nächste beginnt gerade damit. „Wir verwenden verschiedene Öl-Mischungen mit Aromen. Bei Schlafstörungen etwa versuchen wir es immer erst mal mit Lavendelspray. Bei einer Reizblase gibt es eine heiße Auflage mit Lavendelöl, mit oft gutem Effekt“, schildert Cordula Gehlert-Wohlfahrt ihre Erfahrungen.

Doch nicht nur die Düfte und Aromen der Duftwand sind therapeutisch wertvoll. „Sie ist Teil unserer Gartentherapie, die Elemente der Physio- und Ergotherapie enthält“, erklärt Therapeutin Natalie Ziegler. Gemeinsam mit den Patient/innen haben sie und ihre Kolleg/innen das Beet bepflanzt. Dabei kam es nicht nur auf die Feinmotorik, das Benutzen der Hände und Finger an. Die verschiedenen Etagen erforderten Bewegungen, die einige Patient/innen unfall- oder krankheitsbedingt schon länger nicht mehr ausüben konnten und nun wieder neu erlernten. „Für manche ist der tägliche Ausflug zur Duftwand eine Motivation. Sie trauen sich, alleine in den Garten, an die frische Luft zu gehen“, weiß die Ergotherapeutin.

Anderen wiederum hat der Besuch an der Duftwand eine Aufgabe, einen neuen Lebensinhalt gegeben. Denn die Kräuter werden in der Kochgruppe für selbstgemachten Kräuterquark verwendet. Nicht zu vergessen ist auch die Stimulation der kognitiven Fähigkeiten. „Die Patient/innen müssen überlegen: Was ist das? Wie heißt das? Wofür kann man das verwenden?“, sagt Natalie Ziegler.

Doch nicht nur die Geriatrie-Patient/innen wissen die vielfältigen Möglichkeiten, die die neue Duftwand bietet, zu schätzen. Auch die anderen Gartenbesucher/innen tun es. Manch einem/einer reicht es, einfach nur auf einer Bank zu sitzen und zu sehen, wie die Bienen, Hummeln und andere Insekten sich dort tummeln. Schließlich ist der kleine Garten ein beliebter Ort.

 

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