Katarzyna Henkelmann ist seit 35 Jahren Hebamme bei uns

Geschichten aus dem "Josefs"

"Ich möchte, dass sich die Mamas bei mir wohlfühlen"

Mehr als 6.600 Kinder hat sie auf die Welt gebracht: Jungen und Mädchen, groß und klein, die Geburt einfach und auch kompliziert. So viele, wie eine Kleinstadt Einwohner hat. In Schweinfurt und Umgebung ist sie deshalb keine Unbekannte, fast schon eine Institution: Katarzyna Henkelmann, Jahrgang 1960, seit 35 Jahren Hebamme im Krankenhaus St. Josef. Ihr Motto: „Ich betreue eine Frau, so wie ich selbst betreut werden möchte.“ Denn Hebamme zu sein, das ist für sie mehr als nur ein Beruf, es ist ihre Berufung.

Katarzyna Henkelmann hat etlichen Fünf-Kilo-Babys auf die Welt geholfen, aber auch so einigen Leichtgewichten. Das kleinste Kind war nur 450 Gramm schwer. „Die Ärzte gaben dem Mädchen damals eine ganz schlechte Prognose“, erinnert sie sich. Doch die Kleine war eine Kämpferin, hat überlebt. „Und ist heute Krankenschwester“, fügt die 61-Jährige lächelnd hinzu. Es ist nur eine von vielen Geschichten, die die gebürtige Polin erzählen kann. „Als Hebamme bekommt man viel mit. Das Leben schreibt die verrücktesten Geschichten.“

Ihre eigene ist auch so eine. „Ich hatte Glück“, blickt Katarzyna Henkelmann heute zurück. Sie ist in Zgorzelec, im polnischen Teil der Stadt Görlitz (Sachsen), geboren und aufgewachsen, hat in Breslau die Ausbildung mit Studium zur Hebamme absolviert. „Ich arbeitete danach am Klinikum Breslau“, erzählt sie. Dieses war als Geschenk des Papstes Johannes Paul II. erbaut worden, damals eine moderne Klinik mit rund 4.000 Geburten im Jahr.

Nach Schweinfurt kam sie der Liebe wegen. Das war Mitte der 1980er-Jahre, zu einer Zeit, als der Eiserne Vorhang bestand und in Polen die Solidarnosc-Bewegung aufblühte. Willkürliche Restriktionen waren in der Volksrepublik Polen genauso an der Tagesordnung, wie in den anderen sozialistischen Diktaturen Mittel- und Osteuropas. Einfach so die Sachen packen und in den Westen umzuziehen, war eigentlich undenkbar. Doch Katarzyna Henkelmann hat es geschafft. „Mein Vater hat mir damals mein Visum nach Deutschland bezahlt“, erzählt sie.

In Schweinfurt angekommen, kam sie gut zurecht. „Ich hatte Deutsch als Pflichtfach in der Schule.“ Da sie wieder als Hebamme arbeiten wollte, stellte sich im Krankenhaus St. Josef vor - auch, weil sie katholisch war. „Ich sprach damals mit Schwester Sigrid, die mich ganz stark an meine Oma erinnerte.“ Am 2. Juni 1986 begann Katarzyna Henkelmann schließlich als Hebamme im St. Josef. „Damals hatten wir wenige Geburten, etwa 183 im Jahr. Doch ich habe erkannt: Da ist Potenzial.“

Anfangs war sie nicht sicher, ob sie bleiben möchte. „Aber die Ordensschwestern waren so lieb und haben uns immer unterstützt. Hinzu kamen die netten Kolleginnen“, erzählt Katarzyna Henkelmann. Gemeinsam mit ihnen und den anderen Hebammen hat sie die Abteilung Geburtshilfe im Lauf der Jahre weiterentwickelt und mitgetragen. „Wir haben vieles verschönert und die sterile Atmosphäre verändert.“ Das sprach sich rum, weshalb die Geburtenzahlen von Jahr zu Jahr stiegen. „Ich bin stolz auf unser Haus und auf unsere Abteilung“, sagt Katarzyna Henkelmann heute voller Überzeugung.

Ob sie den Beruf heute noch einmal ergreifen würde, da ist sie sich nicht sicher. „Hebamme sein, ist ein Knochenjob“, betont sie. Man trage im Kreißsaal eine enorme Verantwortung, weil man am Menschen arbeitet. „Und Fehler bei der Geburtshilfe darf man nicht machen, denn die lassen sich nicht korrigieren. Zudem sieht sie den Berufsstand durch die aktuelle Situation im deutschen Gesundheitssystem belastet. „Hebammen sollten maximal zwei Frauen gleichzeitig betreuen und nicht vier bis fünf.“ Die Politik müsse sich überlegen, wie es in den nächsten Jahren weitergehen soll – gerade für kleine Krankenhäuser. „Wir Hebammen wollen keine Abfertigung, sondern echte Geburtshilfe leisten“, ist Katarzyna Henkelmann überzeugt und fügt hinzu: „Solche Berufe, wie unserer, erfahren in der Gesellschaft leider nur wenig Anerkennung.“

Dennoch macht sie ihre Arbeit gerne und mit Leidenschaft. Es sei auch nach 38 Jahren im Beruf jedes Mal spannend, den Dienst zu beginnen. „Man weiß ja nicht, was einen erwartet, wie die Natur mit ihrer nächsten Geschichte anfängt.“ Zwar gebe es auch Querschläge, doch dank ihrer Erfahrung und ihrem Wissen kann sie entsprechend reagieren. „Ich möchte, dass sich die Mamas bei mir wohlfühlen und sagen: Mit Ihnen war es schön. Das ist für mich das größte Kompliment“.

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