Dienstjubiläum: Vier Jahrzehnte im Krankenhaus St. Josef

Die Maschinen tönen. Laut, schrill, warnend. Lichter blinken. Heißt: Der Patient befindet sich in einer lebensbedrohlichen Situation. Doch Karlheinz Albert bleibt ganz ruhig. Der Intensivpfleger greift nach der Beatmungsmaske. Automatisch, ohne dass ihn Dr. Wolfgang Menger, der dazu gerufene Arzt, etwas sagen muss. Nach kurzer Untersuchung gibt der Intensivmediziner jedoch Entwarnung. Das Herz war wohl für eine kurze Zeit aus dem Takt geraten. Nun schlägt es wieder gleichmäßig. Die Beatmungsmaske kann wieder an ihren Platz zurück. Noch ein kurzer Kontrollblick, dann geht Karlheinz Albert wieder weiter zum nächsten Patienten. Dort steht die Körperpflege an.

Dabei könnte der 61-Jährige eigentlich im Büro sitzen und Schreibkram erledigen, was man als Stationsleiter mit mehr als 50 Mitarbeitenden halt so machen muss. Doch Karlheinz Albert ist anders: „Morgens sucht man ihn vergebens am Schreibtisch“, weiß Dr. Wolfgang Menger, der Chefarzt, und fügt hinzu: „Er ist erst mal bei den Patienten und hilft beim Waschen.“

Und das nicht ohne Grund. „Die Grundpflege ist für mich das A und O. Da erkenne ich ganz vieles“, sagt Karlheinz Albert. Etwa wie es dem Patienten geht, wie sich seine Haut anfühlt, wie sein Herz schlägt. Er braucht diesen direkten Draht zu den Patienten - und nicht nur den Blick auf die Maschinen. „Denn wir auf der Intensivstation sind nicht nur Pfleger, sondern auch Seelsorger und Kümmerer“. Die Patienten spüren das und sind unglaublich dankbar – für jedes kleine Wort, für die Fürsorge, für die Aufmerksamkeit. Direkt sagen können das nur wenige.

Deshalb senden sie oder ihre Angehörigen persönliche Grüße später per Post. „Lieber Herr Albert, Sie haben so viel Menschlichkeit vermittelt, dass es mir ein Bedürfnis ist, ganz herzlich DANKE zu sagen“, schreibt eine ehemalige Patientin. Unzählige Briefe und Karten hat Karlheinz Albert im Lauf seiner Dienstjahre erhalten und aufgehoben. Es sind für ihn wichtige Erinnerungen, genauso wie die vielen Fotografien, die sich in den vier Jahrzehnten im Krankenhaus St. Josef angesammelt haben.

Sie zeigen die andere Seite des Herrn Albert: Die des engagierten Kollegen und Mitarbeiters, der sich für andere, die Dienstgemeinschaft und die Weiterentwicklung des Krankenhauses einsetzt. „Ich war 13 Jahre Mitglied der Mitarbeitervertretung, habe Betriebsfeste mitorganisiert, das QM-Handbuch mitgestaltet, das Leitbild mitentwickelt und auch so einige Prozesse im Haus wie etwa den Katastrophenfallplan“, blickt der 61-Jährige nicht ohne Stolz zurück. „Was habe ich für Abende beim Chefarzt Dr. Bretscher gesessen und die Patientenkurvenführung, die Tagesprotokolle oder die Pläne für den Umbau der Station besprochen“, fügt er hinzu

Besonders gerne erinnert er sich an die gemeinschaftlichen Aktionen, wie zum Beispiel an die Fußballspiele gegen die Teams aus dem Leopoldina-Krankenhaus, die zu Beginn der 1980er Jahre ausgetragen wurden. „Unsere Mannschaft bestand damals zu 85 Prozent aus Ärzten“, erzählt er und belegt dies mit einem alten Mannschaftsfoto. „Wir haben aber meistens verloren. Doch wir haben wegen der Gaudi gespielt“, sagt Karlheinz Albert. Der gute Draht ins „Leo“ war ihm immer wichtig. Schließlich hat es auf seinem Weg zum Intensivpfleger eine wichtige Rolle gespielt. Prägender jedoch war das Krankenhaus St. Josef für ihn.

Das lernte er schon früh, im Alter von elf Jahren, kennen. „Ich hatte damals einen Fahrradunfall, war bewusstlos und lag zehn Tage im Koma“, erzählt er. Sieben Wochen war er damals bettlägerig und musste anschließend das Laufen neu lernen. Mit 15 schloss er die Volksschule ab und wollte einen handwerklichen Beruf erlernen. Doch aufgrund seiner gesundheitlichen Einschränkungen riet man ihm davon ab. Die Landwirtschaft seiner Eltern fortzuführen, war auch keine Option. So probierte er, als Pflegehelfer in einem Altenheim zu arbeiten. Dazu inspiriert hatte ihn die Pflege der Großmutter, die damals auf dem elterlichen Hof lebte.

1980 entschloss er sich dazu, eine einjährige Ausbildung zum Krankenpflegehelfer in Bad Königshofen zu absolvieren. Danach bewarb er sich in den zwei Schweinfurter Krankenhäusern um eine Stelle. „Ich hatte für beide Zusagen, entschied mich aber für das Josefs“, erzählt Karlheinz Albert. So kam er 1981 als junger Pflegehelfer auf die Station von Oberschwester Friedebalda, auf der Patienten der Inneren und der HNO versorgt wurden. Sie erkannte sehr schnell das Können des jungen Pflegehelfers und regte an, dass er eine Ausbildung zum Krankenpfleger absolviert. Gesagt, getan. 1985 hatte er als 25-Jähriger sein Examen in der Tasche und begann auf der chirurgischen Wachstation – einem Vorläufer der späteren Intensivstation – bei Schwester Willigard.

Zwei Jahre später zeigte Karlheinz Albert Interesse an der Fachweiterbildung zum Intensivpfleger, stieß damit aber auf wenig Gegenliebe. „Immer wieder wurde ich vertröstet und gefragt: Brauchen wir das?“, erinnert er sich. Deshalb bewarb er sich am Leopoldina-Krankenhaus, wo man ihm diese Zusatzausbildung ermöglichten konnte. Doch so einfach wollte man ihn im „Josefs“ nicht gehen lassen. „Der damalige Krankenhausdirektor Stumpf arrangierte schließlich, dass ich meine Fachweiterbildung hier im Verbund mit dem Leo machen kann.“ Die absolvierte er dann auch mit einem Kollegen aus dem Leopoldina-Krankenhaus, mit dem er bis heute eng verbunden ist.

Zu dieser Zeit entwickelte sich nicht nur Karlheinz Albert weiter, auch die einstige chirurgische Wachstation tat es und vollzog den Wandel zur Intensivstation unter pflegerischer Leitung von Schwester Willigard. Sie belohnte Alberts Bleiben und machte ihn schon während seiner Fachweiterbildung zu ihrem Stellvertreter. Später tauschten die beiden die Positionen, so dass Karlheinz Albert mit 33 Jahren zum Stationsleiter aufstieg. „Ich hatte schon eine tolle Laufbahn“, sagt er heute. „Aber, man braucht eine Familie, die hinter einem steht“, gibt er offen zu.

Nicht nur beruflich sondern auch privat fand er sein Glück im Krankenhaus St. Josef. Hier lernte Karlheinz Albert seine spätere Ehefrau Elisabeth kennen und lieben. „Sie arbeitete auf der gleichen Etage wie ich. Unsere Stationen waren nur durch eine Tür getrennt. Die stand nachts offen, so dass wir uns helfen konnten“, erinnert er sich. Beide blieben auch als Eheleute dem St. Josef treu – mehr noch: Hier wurden nicht nur ihre beiden Kinder sondern inzwischen auch die Enkelin geboren.

Und was macht so ein Vollblut-Pfleger in seiner Freizeit? Gemeinsam mit seiner Frau hat er das große Anwesen seiner Eltern in Birnfeld restauriert. „Hier bin ich ständig am Werkeln und kann meinen Traum vom Handwerkersein ausleben“, sagt Karlheinz Albert. Oder er arbeitet im Garten, in dem die Familie Gemüse anbaut und im Herbst eigenen Apfelsaft herstellt. Viele Jahre hat sich das Ehepaar in der heimischen Pfarrei engagiert, er war 18 Jahre als Kirchenpfleger in der Kirchenverwaltung tätig. „Wir reden wenig über die Arbeit“, fügt er hinzu.

Und dann kam 2020 die Corona-Pandemie. Sie zeigte nicht nur die medizinischen Grenzen auf, sondern auch persönliche. Karlheinz Albert erkrankte. Zwar nicht an dem Virus, dennoch musste er eine Zwangspause einlegen. Doch die Auszeit hat ihm gut getan. Er konnte Kraft sammeln und neue Dinge erleben. „Ich habe das Malen wiederentdeckt“, erzählt er. Seine Freizeit verbringt er nun damit, Aquarelle und Bleistiftzeichnungen anzufertigen. „Da kann ich gut abschalten und bin ganz bei mir“, verrät er.

Nur auf der Intensivstation, da ist er das nicht. Da geht er voll und ganz in der Pflege der Patienten auf. Ihm ist egal, woran sie erkrankt sind. Er sieht in erster Linie den Menschen, der Hilfe oder Beistand braucht. Manchmal auch ohne Worte, selbst beim Sterben. Es gehört zu seinem beruflichen Alltag, ist aber für ihn keine Routine. „Man mag es nicht glauben, aber viele gehen mit einem leichten Lächeln im Gesicht. Darin sehe ich Zufriedenheit und Erlösung.“ Wenn er sich heute entscheiden müsste, würde er den Beruf wieder ergreifen? „Ja auf jeden Fall! Für mich gibt es nichts Schöneres“, sagt Karlheinz Albert.

 

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